Adventskalender zum 12. Dezember: Wie uns die Alten sungen…

Weihnachten in meiner Kindheit war nicht Weihnachten, wenn Justine und Alberta fehlten. Die beiden hochbetagten, etwas strengen Damen waren unsere Vermieterinnen, zwei ledige Schwestern weit über 80 Jahre, die in der Wohnung über uns lebten. Jeden Heiligabend kamen sie in unsere Stube, aßen mit uns Christstollen, tranken Tee und taten etwas, was wir als Familie sonst nie taten: Singen. Wenn die beiden Alten sungen, entstand vor meinen Augen eine fast magische Welt: Ich habe Schneeflöckchen, Weißröckchen und ein Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord, gesehen. Ich habe gehört, wie es ist, wenn süßer die Glocken nie klingen, und wie es sich anhört, wenn Tochter Zion sich freut. Ich habe die Hirten kommen und ein Ros aus einer Wurzel zart entspringen gesehen und ein Kind zu Bethlehem geboren. Und ich habe die Sehnsucht gespürt, die von diesen beiden hochbetagten Damen ausging, deren Freude beim Singen rein und kindlich war. Nichts ist so alt wie die Sehnsucht und nichts macht uns jünger als sie.

(EG 30,1 – Trier 1587/88)
Martina Janßen

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