Maria lactans

Die hochrechteckige Steinplatte stammt aus der Hildesheimer Franziskanerklosterkirche St. Martini und kann stilkritisch etwa um 1430 datiert werden. Über die Einrichtung des Andreas-Museums gelangte das Bildwerk in die Andreaskirche (Zeller 1911, S. 12). 

In einen profilierten Rahmen ist im oberen Bereich ein Kielbogen eingesetzt, der mit Kriechblumen besetzt ist und an seiner Spitze eine den Rahmen überschneidende Bekrönung ausbildet. Hinter dem Bogen öffnet sich ein ausgesprochen tiefer Nischenraum, der von der bildlichen Darstellung im Hochrelief ausgefüllt wird. Hier thront Maria, mit einer Krone bekrönt und mit einem von zwei Engeln getragenen Ehrentuch hinterfangen. Auf ihren Knien steht das Jesuskind, das mit seiner linken Hand in den Mantel seiner Mutter greift und sich an deren dahinter hervortretenden Brust stillen lässt – der Bildtypus der „Maria lactans“.

Maria erscheint (von den Betrachtenden aus gesehen) aus der Mittelachse leicht nach rechts versetzt, um sich einem kleinen Stifterfigürchen zuwenden zu können, das rechts unten in der Ecke kniet. Dieses hält das untere Ende eines breiten Schriftbandes, das sich S-förmig zu Maria emporschwingt und von deren rechter Hand gewissermaßen zu Jesus umgeleitet wird. Zugleich beschirmt Marias rechte Hand das Stifterfigürchen. Das Band läuft schließlich zwischen der Gottesmutter und dem Jesuskind hindurch und wird von Marias linker Hand vor der Hüfte von Jesus zusammengerollt: die Nachricht hat ihr Ziel erreicht!

Hier geht es anschaulich um Maria als Fürsprecherin, die ihren Sohn Jesus, vor dessen Richterthron der Stifter im Jüngsten Gericht einst stehen wird, gnädig stimmen soll. Das Schriftband trug sicher das aufgemalte, leider verlorengegangene Gebet des Stifters (vielleicht ein „Ave Maria“?), mit dem sich dieser an die Gottesmutter wandte. Diese wiederum erfüllt zumindest im Bild ihre gewünschte Rolle, indem sie das Jesuskind mit dem Gebet förmlich einwickelt, während sie es zugleich stillt.

Auffallend sind die dicken, faltenreichen Gewänder. Auch das Jesuskind ist nicht nackt, sondern mit einem langen Mäntelchen bekleidet. Die Rahmung mit einem Kielbogen scheint für Grabplatten in St. Martini typisch gewesen zu sein, wie etwa die Platte für den Franziskanerbruder Konrad (heute in St. Andreas links neben der hier beschriebenen Platte) oder die Grabplatte für den Ritter Burchard von Steinberg (Roemer- und Pelizaeus-Museum) nahelegen. Die Grundanlage des Hochreliefs und die Position des Stifterreliefs mit dem aufsteigenden Schriftband sprechen allerdings dafür, dass die Platte als Epitaph aufrechtstehend an einer Wand in St. Martini angebracht war.

Christian Scholl

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