Über der kielbogigen Einfassung des Westportals stand nochmals eine Madonnenskulptur (das Original heute in der Turmhalle, außen eine Kopie). Wenn man bedenkt, dass direkt darunter als Bezugsfigur der Heiligen Drei Könige eine weitere Madonna aufgestellt war, könnte dies auf dem ersten Blick „fantasielos“ wirken. Tatsächlich aber folgte die Maria über dem Westportal einem anderen Typus: Sie war als Mondsichelmadonna dargestellt (durch Verwitterung ist die Mondsichel heute leider nicht mehr zu erkennen). Dies bezieht sich auf die Offenbarung des Johannes, in der es um das Weltende geht:
„Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.
Und sie war schwanger und schrie in Kindesnöten und hatte große Qual bei der Geburt.“ (Offb. 12,1-2)
„Und sie gebar einen Sohn, ein Knäblein, der alle Völker sollten weiden mit eisernem Stabe. Und ihr Kind ward entrückt zu Gott und seinem Thron.“ (Offb. 12,5)
Das „apokalyptische Weib“, von dem hier die Rede ist, wird traditionell auf Maria bezogen, die Jesus zur Welt gebracht hat. Indem dieser Bildtypus an der Westfassade auftaucht, klingt das Thema Weltende und Weltgericht an. Dies war umso bedeutungsträchtiger, als die Andreaskirche von einem Friedhof umgeben war. Hier lagen die Toten in Erwartung ihrer Auferstehung und des Jüngsten Gerichts – bei dem man auf Maria als Fürbitterin hoffte. Mit den beiden Madonnen thematisiert das Skulpturenprogramm mithin den Beginn und das Ziel des Erlösungswerks: Seine Geburt in Bethlehem und seine Wiederkehr am Ende der Tage. Welche Figuren auf den Sockel seitlich darunter aufgestellt werden sollten, ist nicht geklärt.
Christian Scholl