Der Chorraum im Mittelalter

Vom Vorkriegszustand des Chorraums von St. Andreas zeugen immerhin noch historische Fotografien. Wie dieser Bereich aber im Mittelalter ausgestaltet war, liegt völlig im Dunkeln. Man kann nur anhand weniger Befunde sowie durch Vergleiche mit anderen Bauten einige grundlegende Überlegungen äußern.

Das wichtigste Ausstattungsstück dieses hochrangigsten Raumbereichs war der Hochaltar. Dessen Position lässt sich gut bestimmen, weil der eigentliche Altar mit Stipes (Unterbau) und Mensa (Altartisch) bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg beibehalten worden ist. Die Überlieferung reicht sogar noch weiter zurück: Der ab 1389 errichtete Neubau der Kirche erhielt ja im Vergleich zum romanischen Vorgängerbau ein erhöhtes Fußbodenniveau. Hans Wille konnte bei seinen Ausgrabungen feststellen, dass der gotische Hochaltar direkt über dem alten, romanischen Hochaltar errichtet wurde und diesen quasi als Fundament nutzte (Wille 1962, S. 45).

Wie für einen spätmittelalterlichen Hochaltar zu erwarten, gab es ein klappbares Hochaltarretabel. Dieses wird vermutlich in einer Urkunde vom 10. Januar 1480 erwähnt, wenn davon die Rede ist, dass man „de groten tafelen updon unde de reliquien utsetten laten“ soll (Doebner 1899, S. 599, Nr. 926) – also das Hochaltarretabel aufklappen und die Reliquien aussetzen (ausstellen). Es könnte sogar sein, dass das mittelalterliche Hochaltarretabel von St. Andreas heute noch existiert: In St.  Matthäi in Gronau steht ein prächtiges gotisches Retabel, das aus Hildesheim stammt. In welcher Kirche es vorher stand, ist nicht endgültig geklärt, denn es gibt zwei einander widersprechende Herkunftsangaben: einmal, dass es aus der Klosterkirche St. Godehardi in Hildesheim stamme und dann, dass es aus St. Andreas komme (Prinz 2023, S. 179-184).

Dem Hochaltar war ein Sakramentshaus zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien zugeordnet. Ein solches „sacramentes husz“ wird unter anderem 1493 in einer Urkunde erwähnt (Doebner 1901, S, 236, Nr. 264). Häufig standen solche Sakramentshäuser nördlich, an der vom Hochaltar aus gesehen höherrangigen rechten Seite. Hierzu würde passen, dass die Schlusssteine der zweiten Kranzkapelle von Norden und das entsprechende Joch des Chorumgangs christologische Motive zeigten: den Pelikan als Symbol der Selbstaufopferung und den Löwen als Symbol der Auferstehung.

St. Andreas war im Mittelalter eine Stiftskirche mit 12 Kanonikern, die ein regelmäßiges Chorgebet feierten. Auch die nicht zum Stift gehörenden Priester, die für den Altardienst an den zahlreichen Nebenaltären angestellt waren, sollten an diesem Chorgebet teilnehmen (vgl. Härtel 2004, S. 139f.). Daher ist von der Existenz eines Chorgestühls auszugehen. Der Chorraum von St. Andreas ist nicht sehr tief, aber ungewöhnlich breit. Wie ein hier Chorgestühl untergebracht wurde, muss leider offen bleiben. Am ehesten kommt das östlichste Mittelschiffsjoch in Frage, das unmittelbar an das Chorpolygon anschließt. Hier weicht die Gestaltung der Obergadenfenster von der sonstigen jochweisen Folge einzelner großer Fenster ab: Es gibt zu beiden Seiten je zwei kleine Fenster und darüber einen ursprünglich einmal geöffneten Okulus. Insofern man diese Abweichung nicht mit statischen Gründen oder mit einer Planänderung erklärt, könnte sie auch den Bereich des Kanonikerchores markiert haben.

Als Aktionsraum der Geistlichen muss der Chorraum von St. Andreas von den übrigen Bereichen der Kirche abgetrennt gewesen sein. Daher ist von einer Gitter- oder Schrankenanlage auszugehen, die zum einen den Binnenchor vom Chorumgang schied und zum anderen den Chorbereich vom Langhaus trennte. Wie die Abtrennung zum Langhaus beschaffen war und ob es hier einen gemauerten Lettner gab, ist nicht geklärt. Auf jeden Fall muss es eine räumliche Zäsur gegeben haben. 

Westlich vor dem Lettner steht üblicherweise der Kreuzaltar. Ein solcher ist 1498 in den Quellen zu St. Andreas erwähnt. Er befand sich, wie zu erwarten, „bii deme kore“ (Doebner 1901, S. 178, Nr. 187).

Meist gab es im Mittelalter in größeren Kirchen oberhalb des Kreuzaltars eine Triumphkreuzgruppe. Es spricht einiges dafür, dass zumindest Reste der Triumphkreuzgruppe von St. Andreas noch existieren. Im südlichen Querhausarm der ehemaligen Klosterkirche St. Godehard in Hildesheim ist nämlich eine Triumphkreuzgruppe angebracht, die aus verschiedenen Figuren zusammengesetzt ist. Die beiden Assistenzfiguren Maria und Johannes (in St. Godehard übrigens falsch herum angeordnet) sollen aus der Andreaskirche stammen. Eventuell wurden sie bei der Renovierung ab 1819 aus der Kirche entfernt und fanden in St. Godehard einen neuen Platz.

Stilkritisch werden die beiden Figuren in die Zeit um 1430 datiert (Dehio 1992, S. 714). Dies passt zur Beendigung der Bauarbeiten am Langhaus von St. Andreas im Jahr 1431. Damit hätte sich doch etwas von der mittelalterlichen Ausstattung von St. Andreas erhalten, das einen kleinen Eindruck vermittelt, mit was für Objekten dieser Raum einmal gefüllt gewesen sein muss.

Christian Scholl