Gestalterisch fällt die Balance zwischen kräftiger Gesamtbildung und feinteiliger Verräumlichung auf: Das Kreuz schwebt auf einem schlanken Stab, bekommt selbst aber durch seine kastenhafte, in die Breite gehende Form eine starke Präsenz. Die vordere Ebene der Wellenrahmungen erhebt sich frei vor dem sarghaft geschlossenen Hintergrund. Henn modellierte kleine, auf das Wesentliche verknappte figürliche Szenen und spannte sie in die Wellenrahmungen ein, wobei sie ihre Wirkung durch ihren eigenen Schattenwurf verstärken. Das Kreuz wurde so proportioniert, dass die zentrale Gruppe mit der Kreuzigung Christi der Person, die am Altar agiert, unmittelbar vor Augen steht.
Zum Nachdenken regt auch die Szenenauswahl an: An der Spitze steht die Darstellung des ungläubigen Thomas. Gerade für Bildende Künstler ist dies eine in ihrer Ambivalenz bedeutungsvolle Szene: Nach den Worten Jesu sollte der Glaube nämlich idealerweise ohne sichtbare Belege auskommen (Joh. 20,29: „Selig sind, die nicht sehen und dich glauben!“). Gleichwohl gewährt Jesus dem Apostel Thomas aber eben doch das Sehen (und Berühren) seiner Seitenwunde.
Christian Scholl
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