Das Altarkreuz

Mit dem Altarkreuz knüpft Ulrich Henn abermals auf freie Weise an mittelalterliche Traditionen an, indem er das Kreuz als Bildträger für Einzelszenen nutzt. Hier sind es Szenen aus der Passion, die auf dem Längs- und auf dem Querbalken angeordnet sind – gefasst von kreis- und mandorlaförmigen Rahmungen, die durch wiederholte Überkreuzungen zweier wellenförmiger Bänder entstehen: In abstrahierter Form soll dies an die Wurzel Jesse erinnern.

Gestalterisch fällt die Balance zwischen kräftiger Gesamtbildung und feinteiliger Verräumlichung auf: Das Kreuz schwebt auf einem schlanken Stab, bekommt selbst aber durch seine kastenhafte, in die Breite gehende Form eine starke Präsenz. Die vordere Ebene der Wellenrahmungen erhebt sich frei vor dem sarghaft geschlossenen Hintergrund. Henn modellierte kleine, auf das Wesentliche verknappte figürliche Szenen und spannte sie in die Wellenrahmungen ein, wobei sie ihre Wirkung durch ihren eigenen Schattenwurf verstärken. Das Kreuz wurde so proportioniert, dass die zentrale Gruppe mit der Kreuzigung Christi der Person, die am Altar agiert, unmittelbar vor Augen steht. 

Zum Nachdenken regt auch die Szenenauswahl an: An der Spitze steht die Darstellung des ungläubigen Thomas. Gerade für Bildende Künstler ist dies eine in ihrer Ambivalenz bedeutungsvolle Szene: Nach den Worten Jesu sollte der Glaube nämlich idealerweise ohne sichtbare Belege auskommen (Joh. 20,29: „Selig sind, die nicht sehen und dich glauben!“). Gleichwohl gewährt Jesus dem Apostel Thomas aber eben doch das Sehen (und Berühren) seiner Seitenwunde.

Christian Scholl

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