Der Barockaltar

1683/84 erhielt St. Andreas einen monumentalen barocken Altaraufbau, der bis zur Zerstörung am 22. März 1945 das Innere der Kirche dominiert hat. Seine Errichtung gehörte zu einer umfassenderen Erneuerungsmaßnahme, die der hochgelehrte Superintendent Georg Götze (1633-99; in Hildesheim 1681-84) initiiert hatte. Gestiftet wurde der Altar von Caspar und Wilhelmine Vortmann, deren Familienwappen gut sichtbar angebracht wurde.

Zur selben Zeit entstand auch ein neues barockes Schrankenwerk im Chorbereich: Damals war es noch immer verbreitet, den als Abendmahlsraum genutzten Chor vom Gemeindeteil abzutrennen. Diese Unterteilung ist nach 1819 entfernt worden. In den Rechnungen zu diesem Schrankenwerk wird erstmals der Bildschnitzer Daniel Bartels († 1696) greifbar, der dann auch den Altar ausführte: Für die Schranken schuf er 21 Engelsköpfe und 16 Fruchtgehänge. 

Am 1. Juni 1683 schloss Daniel Bartels den Vertrag für den Altar ab. Charakteristisch für derartige Aufträge ist, dass man dem Kunsthandwerker ein konkretes Vorbild nannte: einen Altar, der gerade in Hamburg entstanden war. Maren Christine Härtel erwägt den Hamburger Jacobi-Altar (Härtel 2004, S. 254), wahrscheinlicher ist aber der Altar der alten Michaeliskirche. Am 13. Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1684 nahm Georg Götze den fertiggestellten Andreas-Altar mit zwei Dedikationspredigten in den Dienst.

Das Bildprogramm des Altaraufbaus war für lutherische Altäre dieser Zeit charakteristisch: Es gab eine zentrale Christus-Achse (vgl. etwa den Altar der Kirche Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel). Diese setzte in der Predellenzone mit einer auf Nahsicht gearbeiteten Abendmahlsdarstellung an und fand ihre Fortsetzung mit dem Hauptbild, das die Kreuzigung Jesu zeigte. Über weitere Stationen der Passion erfuhr diese Achse ihre Bekrönung in einer monumentalen, freiplastischen Figur des auferstandenen Christus.

Typisch lutherisch war überdies die Gegenüberstellung von Mose und Johannes dem Täufer. Im Sinne von Luthers Rechtfertigungslehre verweist Johannes der Täufer auf die Gnade, die von Jesu Wirken und Kreuzestod ausgehe und mit der die Strenge des durch Mose übermittelten Gesetzes sozusagen dialektisch aufgehoben worden sei. Auch Darstellungen der vier Evangelisten sowie von Petrus und Paulus, die am Andreas-Altar zu sehen waren, sind für diese Zeit nicht ungewöhnlich. Außerdem gab es noch ein „Tugenddreieck“ mit allegorischen Darstellungen von Glaube, Liebe und Hoffnung.

Die Qualitäten dieses Altars zeigten sich vor allem in seinen bildhaften Erfindungen: Besonders eindrucksvoll müssen die vier monumentalen Trägerengel gewesen sein, die Kronen hielten, unter denen man beim Abendmahlsumgang hindurchschritt. Anschaulich und lebensnah erschien auch die geschnitzte Abendmahlsszene, die puppenstubenartig in einer Art Guckkasten präsentiert wurde, der sogar rückwärtig beleuchtet werden konnte.

Der Altar von Daniel Bartels war ein Gründungswerk des Stifthildesheimischen Barock. Ideen wir die tragenden Engel und das „Guckkasten-Abendmahl“ wurden von Daniel Bartels auf den Altar der Hildesheimer Jakobikirche (1695/96) übertragen – dem ersten, damals noch umstrittenen lutherischen Kanzelaltar der Stadt (ebenfalls 1945 verbrannt). Von hier aus verbreiteten sich diese Motive im Hildesheimer Umland. Dafür war vor allem Ernst Dietrich Bartels (1697-1762) verantwortlich, der als Bildschnitzer nochmals begabtere Sohn von Daniel Bartels, der 1720 für St. Andreas die Apostelfiguren geschaffen hat. Während die Hildesheimer Werke im 2. Weltkrieg zerstört wurden, kann man sich an „Guckkasten-Abendmahlen“ heute noch in Dorfkirchen wie Ilten, Betheln oder Sibbesse erfreuen. Hier erscheint der Tisch nach wie vor reich gedeckt: mit Tellerchen, Brot und Lammbraten!

Christian Scholl