Ohne leicht zu wirken, schwebt die bronzene Abendmahlsgruppe von Ulrich Henn über dem Altartisch. Sie bildet den ikonographischen Fluchtpunkt des ganzen Kirchenraumes. In das Chorpolygons hineingerückt, wird sie von der dunklen Hülle des Chorumgangs hinterfangen: Transparenz ist ein zentrales Motiv in der Kunst Ulrich Henns. Betritt man die Andreaskirche durch das Westportal mit seiner Darstellung des Durchzugs der Israeliten durch das Rote Meer (ebenfalls von Henn), so kann man die Gruppe schon durch die gläserne Tür hindurch erkennen, die in die Versöhnungshalle führt – hinterleuchtet von den roten Chorumgangsfenstern Hans Gottfried von Stockhausens.
Eine Abendmahlsdarstellung über dem Altar anzubringen, passt gut zu einer Kirche, die einem Jünger Jesu (Andreas) geweiht ist. Zudem entspricht es einer lutherischen Tradition: Martin Luther selbst hat in seiner Auslegung des 111. Psalms von 1530 vorgeschlagen (Zitat): „wer hie Lust hette, Tafeln auf den Altar lassen zu setzen, der solle lassen das Abendmahl Christi malen“. Auf gewisse Weise erinnert selbst die von Henn gewählte Kreisform an die berühmte Abendmahlsgruppe auf dem Wittenberger Reformationsaltar der Cranach-Werkstatt.
Allerdings löst sich Henns Bildwerk in seiner dreidimensionalen Ausführung vom Altartisch und wirkt wie eine Bekrönung, die auch die am Altar agierenden Menschen überfängt. Man kann an mittelalterliche Radleuchter denken – etwa an den berühmten Heziloleuchter im Hildesheimer Dom. Tatsächlich hat Henn später, 1992, einen Radleuchter für die Kirche Maria Himmelfahrt in Andernach geschaffen. Und auch mit dem Material Bronze knüpft es an eine lokale Kunsttradition an: an die berühmten Bronzewerke, die unter Bischof Bernward von Hildesheim entstanden und die heute zum Weltkulturerbe zählen.
Henns Abendmahlsgruppe fußt auf einem Kreisring, der immer wieder zinnenartig nach oben verspringt, um Sitzgelegenheiten für Jesus und seine Jünger auszubilden. Die Füße der darauf sitzenden Figuren ruhen auf einem inneren, vorn offenen Kreisringsegment. Auf ihren Knien tragen sie den ebenfalls als offenen Kreisring gestalteten Tisch.
Jesus selbst ist mit offener Geste rückwärtig in der Mittelachse dargestellt. Auf ihn hat Henn das Prinzip der Bedeutungsperspektive angewendet und ihn größer dargestellt als seine Jünger.
Die Jünger sind zu beiden Seiten von Jesus angeordnet: auf der Nordseite sechs, auf der Südseite fünf: Ihre Runde lässt auf der Vorderseite Raum zum imaginären Hinzutreten. Und tatsächlich erhebt sich vorderseitig auf der Mittelachse – genau gegenüber von Jesus – ein unbesetzter Hocker. Offenkundig ist er an die Betrachtenden adressiert, sich gedanklich dazuzusetzen, wie man ja darunter als Gemeinde real am Abendmahl teilnimmt.
In dieser Einladung, imaginär am „Tisch des Herrn“ Platz zu nehmen, kulminiert der Versöhnungsgedanke – die theologische Leitidee der Nachkriegs-Neuausstattung von St. Andreas. Dabei bleibt die Einladung – wie das ganze Versöhnungskonzept – ambivalent: Der angebotene Sitz steht in deutlichem Abstand zu den Jüngern. Man ist also nicht ohne Weiteres gleich „einer von ihnen“. Und vor allem: Wer ist man? Henn zeigt elf Jünger. Übernimmt man die Stelle von Judas? Auf jeden Fall besteht inhaltlich wie gestalterisch eine Spannung, welche die Gruppe davor bewahrt, mit einem harmlosen Stuhlkreis verwechselt zu werden.
Künstlerisch fällt die sorgsame Balance zwischen Abstraktion und Individualisierung bei den Figuren auf. Jede ist anders gestaltet, erscheint in Mimik und Gestik aber eher verhalten. Die meisten Jünger blicken auf Jesus. Eine Identifizierung ist nur bedingt möglich: Der von Jesus aus gesehen rechts sitzende, bartlose Jünger dürfte, der ikonographischen Tradition entsprechend, Johannes sein. Mindestens ebenso wichtig wie Individualisierung sind Balance und Rhythmisierung der Gesamtgruppe: Dass links sechs und rechts fünf Apostel sitzen, fällt tatsächlich erst beim Durchzählen auf.
Eine weitere wichtige künstlerische Entscheidung war die Gestaltung von Fußleiste und Tisch als offene Kreisringe. So ergeben sich, je nach Perspektive, sehr verschiedene und mitunter höchst überraschende Durchblicke. Henns Abendmahlsgruppe muss ja sowohl aus weiter Entfernung als auch von Nahem überzeugend wirken. Wie wichtig Henn gerade die Untersicht war, zeigt sich an den deutlich gelängten Oberkörpern. Zudem darf die Gruppe das liturgische Geschehen am Altar (z.B. das aufsteigende Gebet) weder real noch optisch ausbremsen. Dies alles funktioniert erstaunlich gut. So ist Ulrich Henn mit der Abendmahlsgruppe in St. Andreas ein Hauptwerk ortsgebundener kirchlicher Bildkunst der Nachkriegszeit gelungen.
Christian Scholl