2023 fand Küster Andreas Kling ein Gemälde in den Turmräumen von St. Andreas, das großes Rätselraten auslöste. Es handelt sich um ein auf Leinwand gemaltes Doppelgemälde mit Passionsszenen: links die Geißelung Christi, rechts die Dornenkrönung. Bis heute ist umstritten, für welchen Raum und zu welchem Zweck dieses Bild geschaffen wurde. Stilistisch lässt es sich dem Barock zurechnen: eine Grobdatierung um 1680 erscheint als plausibel.
Auch wenn das Objekt zunächst einmal überhaupt nicht wie ein Antependium (Altarvorsatz) aussieht, soll hier doch dafür plädiert werden, dass es sich um ein solches gehandelt hat. Fritz Garbe überliefert nämlich Nachweise von Antependien, die es im 18. Jahrhundert in St. Andreas gegeben habe:
„Ein schwartzes sammetten Antependium, wovor zwey Silberne Andreas Wapen nehet sind; hat anno 1736 die Kirche machen laßen. – Ein gemahltes Passions-Antependium. – Noch ein gemahltes Antependium, worauf das Bildnis S. Andreae stehet.“ (Garbe 1942, S. 26)
Die Charakterisierung „gemahltes Passions-Antependium“ passt ausgesprochen gut auf das 2023 gefundene Doppelbild. Und auch die Maße (2,45 x 0,91 m) stimmen mit dem überein, was man vom historischen Andreas-Altar erschließen kann.
Auf den ersten Blick könnte die Einteilung in zwei Bilder irritieren. Allerdings wurde lutherisches Abendmahl ja als Wandelkommunion in beiderlei Gestalt gefeiert: Hierfür nutzte man Kommunionschranken zu beiden Seiten des Altartisches. Man schritt der Reihe nach von links vor den Altar, kniete auf der Kommunionbank nieder, erhielt die Oblate gereicht, ging dann rückwärtig hinter dem Altar entlang (in St. Andreas schritt man hierfür unter den Engeln durch), kam rechts (in St. Andreas: wieder unter Engeln) heraus, kniete rechts noch einmal auf der Kommunionbank nieder, erhielt den Kelch gereicht und ging dann wieder an seinen Platz.
Der Abendmahlstisch wurde also von zwei Seiten bespielt. Daher ist auch eine Zweiteilung des Antependiums sinnvoll. Tatsächlich gibt es hierfür auch ein Vergleichsbeispiel: das hölzerne Antependium in St. Benedikti in Quedlinburg.
Das stärkste Argument für die These, dass es sich um ein zeitweise verwendetes Antependium handelt, liefert aber die Bildregie selbst. Denn beim Abendmahl hätte man das Bild ja nicht stehend und frontal gesehen, sondern im Knien aus einer Schrägsicht. Und tatsächlich ist Jesus selbst gewissermaßen kniend dargestellt – und zwar so, dass man beim Empfang der Oblate direkt auf seinen gegeißelten Rücken schaut. Und wenn man sich dem Bild kniend von der anderen Seite her nähert, so blickte man seinem blutigen, mit einer Dornenkrone bekrönten Antlitz direkt ins Gesicht. So etwas entspräche lutherischer Passionsfrömmigkeit und würde die ungewöhnliche Komposition des Doppelbildes erklären.
Sollte die These zutreffen, dass es sich um ein temporär zu Passionszeiten eingesetztes Wechselantependium handelte, so hätte man mit dem Doppelbild das letzte Überbleibsel des für die Kunstgeschichte des Hochstifts Hildesheim so bedeutenden Barockaltars vor sich.
Christian Scholl