Für die mittlere Kranzkapelle, die Scheitelkapelle, ist in nachreformatorischer Zeit die Bezeichnung „Schülerchor“ belegt. Maren Christine Härtel deutet den Raum daher als „Platz, an dem die zum Chordienst herangezogenen Schüler der dem Andreasstift angeschlossenen Lateinschule Aufstellung nahmen.“ (Härtel 2004, S. 144).
Schon im Mittelalter war es üblich, dass Kathedralen, Klöster und Stifte Schulen unterhielten und Schüler als Sängerknaben für gottesdienstliche Zwecke einsetzten. Nach der Reformation wurde diese Praxis vielfach fortgesetzt, wie etwa der Thomanerchor in Leipzig belegt. Auch Schüler des Hildesheimer Andreanums sangen selbstverständlich zu vielfältigen Anlässen innerhalb und außerhalb der Kirche. Offen bleibt aber, ob sie dazu einen festen Platz in der Scheitelkapelle einnahmen (was akustisch durchaus funktioniert haben könnte) oder ob sie sich je nach Anlass an verschiedenen Orten im Kirchenraum aufstellten.
Härtel nennt als Vergleich für den „Schülerchor“ die Scheitelkapelle von St. Marien in Lübeck, die nachweislich als Sängerkapelle genutzt wurde. Hierbei handelte es sich aber offenbar um eine separate Stiftung zur Marienverehrung, für die eigens sechs Sängerknaben angestellt wurden (vgl. Hasse 1983, S. 170). Eine vergleichbare Stiftung gab es an der Hardenrathkapelle an St. Maria im Kapitol in Köln (vgl. Ruf 2011). Inwieweit eine solche Stiftung auch an St. Andreas existierte, bleibt vorerst offen.
Christian Scholl