Architektonisch ist der Chorumgang mit seinem Kapellenkranz (nach 1389) das anspruchsvollste Element der Andreaskirche. Mit ihm knüpft der Bau an die Tradition der französischen Kathedralgotik an. Als direktes Vorbild kommt vor allem der Prager Veitsdom in Frage. Für eine niedersächsische Pfarr- bzw. Stiftskirche ist dies eine außergewöhnliche Referenz.
Dass die Umsetzung nicht leicht war, offenbaren die Baubefunde, die etliche Planänderungen und bleibende Unstimmigkeiten zu Tage bringen.
Im Mittelalter diente der Kapellenkranz vor allem zur Aufnahme von Nebenaltären, an denen Privatmessen für das Seelenheil von Stifterfamilien zelebriert wurden. Damit verbunden war eine Nutzung des Fußbodens für Bestattungen dieser Stifterfamilien. Nach der Reformation gab man die Nebenaltäre auf, nutzte die Räume aber weiterhin – bis in die Zeit um 1800 – für Grablegen. Für die mittlere Kapelle – die Scheitelkapelle – ist in nachreformatorischer Zeit die Bezeichnung „Schülerchor“ überliefert.
Beim Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg wurde der Chorumgang als weitgehend funktionslose dunkle Raumhülle gestaltet, um die Konzentration auf den hellen Bereich des Binnenchors zu steigern. Für eine gezielte Verdunkelung sorgen Buntglasfenster von Hans Gottfried von Stockhausen.
Bei der Neueinwölbung nach 1945 erhielten die Gewölbe von Chorumgang und Kranzkapellen schlichte Schlusssteine. Ursprünglich waren diese mit Scheibenschlusssteinen versehen, die bildliche Darstellungen aufwiesen. Das Bildprogramm der Schlusssteine lässt sich anhand historischer Quellen rekonstruieren.
Christian Scholl