Es gibt wohl kaum eine passendere Wahl für das Hauptbild eines Epitaphs als eine „Auferstehung Christi“: Sie kündet von der Auferstehungshoffnung ihrer Auftraggeber. Hierzu passte auch die Inschrift, die am Gebälk darüber stand: „CHRISTVS IST MEIN LEBEN VND STERBEN IST MEIN GEWINN · PHIL ·“ aus dem Brief des Paulus an die Philipper 1,21.
Das übrige Bild- und Inschriftenprogramm betonte das soziale Engagement Henni Arnekens für die Stadt Hildesheim, das in der Stiftung des Arneken-Hospitals kulminierte. Hierauf verwies die bekrönende Figur der Caritas, der Tugend der Nächstenliebe.
Besonders raffiniert war die Wahl der beiden Figuren, die in den Nischen hinter den Säulen seitlich des Hauptbildes Aufstellung fanden: Joseph von Arimathia war ein Jünger Jesu, der sich darum kümmerte, dass der Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen und begraben wurde, wofür er sein eigenes Grab hergab. Im Matthäus-Evangelium wird er als „reicher Mann“ beschrieben (Mt. 27,57), Dem Markus- und dem Lukas-Evangelium zufolge war er ein Ratsherr (Mk. 15,43; Lk. 23,50) – genau wie Henni Arneken. Nikodemus wiederum wird im Johannes-Evangelium als ein Pharisäer und „Oberster unter den Juden“ beschrieben, der ein Anhänger Jesu war (Joh. 2,1-21). Auch er beteiligte sich an der Grablegung Jesu und steuerte hierzu Myrrhe und Aloe bei (Joh. 19,39). Beide waren somit Identifikationsfiguren für Arneken: wohlhabende Führungspersönlichkeiten, die sich um den Leichnam Jesu kümmerten und somit einen Platz im Himmel sicher hatten.
Hintergründig – und zwar im buchstäblichen Sinne – war aber nicht nur die Wahl der Figuren an sich, sondern auch deren Anbringung. In den Nischen hinter den Säulen waren diese nicht ohne Weiteres zu sehen: Arneken „prunkte“ also nicht mit seinen Rollenvorbildern, sondern versteckte sie dezent, so dass sie erst bei aufmerksamer Betrachtung hervortraten. Zudem unterstellte er sein – insgesamt doch ausgesprochen prächtiges – Epitaph der alleinigen Ehre Gottes (Inschrift am oberen Aufsatz). Wenn man bedenkt, dass Arneken in Hildesheim eine politisch höchst umstrittene Figur war, die im Jahr 1600 – zur selben Zeit, als das Epitaph entstand – als Bürgermeister abgesetzt und unter Hausarrest gestellt wurde, so darf man das Bild- und Inschriftenprogramm als Rechtfertigung verstehen – wobei die Rolle als christlicher Wohltäter gleich auf mehreren Ebenen akzentuiert wird: offen und verdeckt.
Dr. Christian Scholl
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