Barocke Neufassung

Nach der Reformation wurden die wichtigsten Ausstattungsstücke (die sogenannten Prinzipalstücke) in St. Andreas neu geschaffen: das Taufbecken von 1547, die Kanzel von 1642, die Hauptorgel von 1667 und der Barockaltar von 1684. 1719/20 entwickelte man um diese Ausstattungsstücke herum eine neue Raumfassung im Stil des Barock. Erst die Ausstattung zu erneuern und danach das Raumbild zu gestalten, war typisch für Barockisierungen in dieser Region, wie etwa St. Mauritius in Moritzberg und die Klosterkirche Ringelheim belegen.

Der Zeitpunkt der Renovierung ist sicher kein Zufall: Ab 1718 hatte am katholisch gebliebenen Hildesheimer Dom eine umfassende Barockisierung begonnen. Nun zog man an St. Andreas nach. Eine Zeit lang wurde an beiden Kirchen gleichzeitig gearbeitet. Dabei bediente man sich zum Teil derselben Künstler: Justus Wehmer, der die Domdecke entworfen hatte, konzipierte auch die neue Decke für St. Andreas. Sowohl am Dom als auch an St. Andreas fand man eine zeittypische Lösung: Um den Übergang von der Wand zur Decke abzumildern, wurde in einer Holz-Stuck-Konstruktion eine Deckenkehle (Voute) angelegt. Michael Caminada und Carlo Rossi, die ab 1725 am Domlanghaus weiterarbeiten, schufen den Stuckdekor.

Der Maler Aprile füllte die Deckenspiegel mit illlusionistischen Gemälden. Über dem Altar war die Verkündigung an Maria dargestellt. Das Hauptbild über dem Mittelschiff zeigte die Auferstehung Jesu und ein kleineres Bild über der Orgel die Ausgießung des Heiligen Geistes (Pfingsten). Dies war auch inhaltlich eine überzeugende Bildauswahl, denn das Langhaus diente nach wie vor als Begräbnisort für Menschen, die auf Auferstehung hofften und die mit Wind arbeitende Orgel ist ein genuin pfingstliches Instrument.

Zur selben Barockisierungskampagne von 1719/20 gehörten zudem monumentale, auf Untersicht gearbeitete Schnitzfiguren der 12 Apostel, die auf Konsolen über den Scheiteln der Langhausarkaden angebracht wurden. Sie entstanden in der Werkstatt des bedeutenden Hildesheimer Bildschnitzers Ernst Dietrich Bartels, dessen Vater Daniel Bartels den Altaraufbau geschaffen hatte. Man war in St. Andreas nunmehr umringt von der Gemeinschaft der Apostel – eine sinnige Lösung, die zugleich ausgesprochen eindrucksvoll umgesetzt wurde.

Mit diesen Maßnahmen wurde aus einem gotischen Raum, in dem spätmanieristische und hochbarocke Ausstattungsstücke standen, ein zusammenhängendes künstlerisches Raumensemble, ohne dass die Ausstattung ihre Eigenständigkeit verlor und der ursprüngliche gotische Stil des Kirchengebäudes negierte worden wäre. Umso bedauerlicher ist der vollständige Verlust aller dieser Arbeiten durch den Bombenangriff am 22. März 1945.

Christian Scholl