Baugeschichte

Maren Christine Härtel hat die Baugeschichte der gotischen Basilika von St. Andreas in ihrer grundlegenden Dissertation von 2004 auf überzeugende Weise klären können. Demzufolge wurde, wie eine Bauinschrift belegt, im Jahr 1389 am östlichen Strebepfeiler der Nordvorhalle mit dem Bau begonnen: „+M° ccc° lxxxix iar · wart dusse · / kour angheleyt alvor war“ (In der Übersetzung von Christine Wulf: „Im 1389. Jahr wurde dieser Chor angefangen, fürwahr“). Die These von Hans Josef Böker, dass ein Baubeginn bereits um 1297 anzusetzen sei, hat sich nicht bestätigt – Baunachrichten aus dieser Zeit müssen sich auf eine Umgestaltung der romanischen Basilika beziehen.

Zur ersten Bauphase gehören der Chorumgang, die Sakristei und die Ostwand des Segenshauses. Diese Bauteile zeichnen sich durch eine erlesene Durchgestaltung aus, die auf einen Kontrast zwischen beinahe minimalistisch schlicht gestalteten Wänden und reich ausgebildeten Details wie Konsolen und Baldachinen setzt (z.B. außen an der Sakristei oder innen am südlichen Beginn des Kapellenkranzes). Die Bauteile dieser ersten Phase konnten um den romanischen Vorgängerbau herum errichtet werden, ohne diesen anzutasten.

Danach dürften die Pfeiler für den Binnenchor angelegt worden sein, die den Abriss des alten Chors erforderten.  Hier zeigen sich erste Unstimmigkeiten, indem das wenig geeignete Schema des kantonierten Pfeilers (Rundpfeiler mit vier kreuzförmig angeordneten Diensten) zur Anwendung kam, das dann für alle Pfeiler des Kircheninneren genutzt wurde. Auch die Einwölbung des Chorumgangs zeigt, dass man mit verschiedenen Lösungen experimentierte und nicht alles von vornherein durchdacht hat.

Die anschließend errichteten Vorhallen und Seitenschiffsjoche zeigen eine weitaus reichere Formensprache: Auffallend ist insbesondere der rahmende Kriechblumenbesatz an den Fensterbögen. 

Im Zuge des Weiterbaus richtete man die Längsachse neu aus – vermutlich, um das Langhaus an den romanischen Westbau anbinden zu können, der erst einmal erhalten bleiben sollte (Witt 1967, S. 30). Dadurch entstanden die ungewöhnlichen Raumproportionen des breiten, aber eher kurzen Mittelschiffs.

Bauinschriften legen nahe, dass zwischen der ersten und den folgenden Bauphasen wenig Zeit verging: Schon 1415 hatte man das nördliche Seitenschiff bis an den romanischen Westbau herangeführt. Der Formenwechsel ist daher wohl keine Folge einer Bauunterbrechung, sondern scheint eine bewusste Entscheidung gewesen zu sein. Vielleicht wünschten sich die Auftraggeber eine aufwändigere Architektur und stellten dementsprechend einen neuen Baumeister ein. In der Ausgestaltung des Baus führt dies zu dem paradoxen Ergebnis, dass der hierarchisch höherstehende Chorbereich schlichter durchgebildet ist als das niederrangige Langhaus.

Üblicherweise variieren bei einer gotischen Kirche die Maßwerkformen. Umso mehr fällt auf, dass an St. Andreas ab der zweiten Bauphase nur noch ein einziger Maßwerktyp verwendet wurde. Vergleichsbares Maßwerk findet sich in Halberstadt – am Dom und an der dortigen Katharinenkirche. Es ist daher denkbar, dass Bauhandwerker, die an St. Andreas arbeiteten, von der Dombauhütte in Halberstadt kamen.

St. Andreas weist ein ungewöhnliches Strebewerk auf: In den ansteigenden Strebebogen ist jeweils ein „Zwischenarm“ eingefügt, der die Öffnung zu einem Spitzbogen ergänzt. Bemerkenswert war auch die Gestaltung der Wandfelder unter den Obergadenfenstern (in der Kathedralgotik befindet sich hier das Triforium). Diese wurden als Spitzbögen ausgebildet, die von unten in die Fenster hineinschnitten.

Die Existenz eines Strebewerks lässt darauf schließen, dass ursprünglich nicht nur die Seitenschiffe, sondern auch das Mittelschiff eingewölbt werden sollten. Allerdings scheint man sich noch während des Baus, der ja außergewöhnlich breit ist, gegen eine Mittelschiffseinwölbung entschieden zu haben. Im Inneren lagen die Kämpfer des Chorobergadens bis zum Nachkriegsumbau derart hoch, dass ein Gewölbe hierauf nicht  ansetzen konnte. Ernst Witt musste sie nach unten versetzen, um sein Sterngewölbe einzuziehen. Dies spricht dafür, dass man die Einwölbung des Mittelschiffs schon während der Bauzeit von St. Andreas aufgab.

Unklar ist die Bedeutung der kleineren, verdoppelten Obergadenfenster im östlichsten Langhausjoch. Maren Christine Härtel vermutet einen – später aufgegebenen – Plan, das gesamte Langhaus mit solchen Fenstergruppen zu gestalten. Denkbar wäre aber auch eine Markierung des Chorjochs als eines funktional eigenständigen Bereichs.

Mit dem Weiterbau des Langhauses gibt es dann nochmals einen Wechsel: Das schon bei Baubeginn eher altertümliche Schema des kantonierten Pfeilers wird modifiziert, indem der Rundpfeiler durch konkave Gegenschwünge den Ansatz der Dienste vorbereitet. Außerdem verzichtete man in den Arkadenbögen auf Kämpfer, so dass das Hineinlaufen der Dienste in den Bogen ohne Unterbrechung geschieht – eine wesentlich elegantere Lösung!

Bis etwa um 1425 konnte das Langhaus komplett an den romanischen Westbau herangeführt werden. Für den Anschluss wurden die oberen Teile der Turmanlage abgebrochen. Bis 1428 erfolgte die Eindeckung des Langhauses. Den Dachboden des Mittelschiffs richtete man als Schüttboden zum Lagern von Getreide ein. Spätestens 1431 waren die Arbeiten an der gotischen Basilika erst einmal abgeschlossen (s. Härtel 2004, S. 201).

Der Neubau des Turmes westlich von der romanischen Turmanlage und die Fortführung der Seitenschiffe bis zur neuen Westfassade erfolgten dann als eigenständige Baukampagne, die 1501 vom Hildesheimer Rat beschlossen wurde.

Christian Scholl

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