Ernst Witt (1898-1971) leitete von 1955 bis 1965 den Wiederaufbau von St. Andreas. In Gumbinnen (Ostpreußen) geboren, studierte er zunächst 1920-24 in Danzig Architektur und dann 1930-33 in Königsberg Kunstgeschichte. Beide Studiengänge schloss er jeweils mit einer Promotion ab. Mit dieser doppelten Qualifikation war er für den Wiederaufbau von St. Andreas bestens gerüstet, den er tatsächlich auch bau- und kunsthistorisch begleitete.
Bevor Witt 1939 in die Wehrmacht eingezogen wurde und in Kriegsgefangenschaft geriet, wirkte er als Professor für mittelalterliche Formenlehre an der Technischen Hochschule Danzig. Nach dem Krieg erhielt er 1945 eine Anstellung beim Landeskirchenamt Hannover. Hier war er für zahlreiche Wiederaufbauprojekte kriegszerstörter Kirchen zuständig, aber auch für Sanierungen und Kirchneubauten, die er zum Teil selbst entwarf. 1953 wurde er zum Konsistorialbaumeister ernannt und leitete fortan das „Amt für kirchliche Baupflege“. 1958 bildete man das „Amt für Bau- und Kunstpflege“, mit dessen Leitung Witt nochmals mehr Kompetenzen erhielt. Ab 1960 zog sich Witt allmählich aus der Leitungsfunktion zurück, um sich stärker kunsthistorischer Forschung und Lehre widmen zu können. 1966, ein Jahr nach der Einweihung von St. Andreas, ging er in den Ruhestand.
Der Wiederaufbau der Hildesheimer Andreaskirche ist sicher Witts bedeutendste Leistung. Hier kam seine doppelte Profession als Architekt und Kunsthistoriker zum Tragen. Obgleich es sich um eine dezidiert denkmalpflegerische Aufgabe handelt, agierte Witt nicht zuletzt als Bau-Künstler mit eigenem ästhetischem Konzept, das vor allem auf die monumentale Gesamtwirkung des weitgehend steinsichtigen Raums setzte. Dafür wurden alle Spuren des zwischenzeitig entstandenen barocken und historistischen Schmucks beseitigt.
Das eindrucksvolle Sterngewölbe, das Witt für das Mittelschiff entwarf, leitete er vom Gewölbe der Sakristei her. Damit ging er sicher über alles hinaus, was man für den Hauptraum einer Hildesheimer Stadtkirche im Mittelalter erwarten darf. Gewölbetechnisch war Südniedersachsen im Vergleich zu anderen Regionen eher wenig innovativ. Sterngewölbe findet man in der weiteren Umgebung vor allem im Bereich der Backsteingotik – etwa in der Nicolaikirche in Lüneburg. Außerdem kannte Witt sicher die eindrucksvollen backsteingotischen Sterngewölbe aus seiner preußischen Heimatregion. Die spätgotische Hildesheimer Lambertikirche – die einzige größere gotische Kirche in Hildesheim, die überhaupt im Mittelalter eingewölbt wurde – zeigt ein eher unspektakuläres Kreuzrippengewölbe.
Witts Entscheidung für ein aufwändiges Sternrippengewölbe dürfte wohl vor allem mit dessen ästhetischen Qualitäten zusammenhängen. Gewiss war ihm Kurt Gerstenbergs einflussreiches Buch „Deutsche Sondergotik“ von 1913 vertraut. An St. Andreas machte er sich die hier beschworene Wirkung des „Einheitsraumes“ zunutze. Dementsprechend gibt es auch kleine Schlusssteine auf den Gurtbogenrippen.
Als Architekt und Kunsthistoriker hatte Witt klare Vorstellungen von der künstlerischen Ausstattung und arbeitete hierfür immer wieder mit bestimmten Künstlern zusammen – etwa mit Hans Gottfried von Stockhausen, der an Witts Neubau der Martin Luther Kirche in Emden mitwirkte (Albrecht 2025, S. 129) und für St. Andreas in Hildesheim die Glasfenster des Chorumgangs entwarf. Als der Andreas-Kirchenvorstand bei der Ausstattung der Kirche immer eigenständiger agierte, sah Witt sein Gesamtkonzept gefährdet und zog sich am 1. März 1965 von diesem Projekt zurück. Er weigerte sich auch, am 28. August 1965 die Schlüsselübergabe zu übernehmen und eine inhaltliche Einführung zum Bau zu geben (Arlt 1998, S. 164f.). Bekannt ist, dass er vor allem mit den Glasfenstern der Taufkapelle von Kurt Sohns haderte. Hier sollte ursprünglich von Stockhausen zum Zuge kommen (Dehio 1992, S. 266).
Gleichwohl erhielt Witt für den Wiederaufbau von St. Andreas den Niedersächsischen Verdienstorden (Albrecht 2025, S. 128).
Christian Scholl
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