Beim Bombenangriff vom am 22. März 1945 wurde die Andreaskirche auf das Schwerste getroffen. Alle Dächer verbrannten, ein Großteil der Seitenschiffsgewölbe stürzte ein (das Mittelschiff war damals noch nicht gewölbt) und die überwiegend aus Holz gefertigte Ausstattung (u.a. Altar, Orgel, Kanzel, Figuren) wurde bis auf wenige Einzelstücke vernichtet. Die Nordwestecke der Kirche war komplett zerstört.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es bereits den Beschluss, die Ruine ganz abzubrechen, was vom Stadtbaudirektor Bernhard Haagen verhindert wurde. Ab Herbst 1946 traf sich die evangelische Jungenschaft von St. Andreas zum Schutträumen in der Kirche, und am 11. März 1947 wurde auf Initiative von Ernst Witt die Evangelische Kirchenbauhütte Hildesheim e.V. gegründet, die sich dem Wiederaufbau der gleichermaßen zerstörten Kirchen von St. Jakobi, St. Michael, St. Lamberti und St. Andreas widmen sollte. Allerdings konzentrierte man sich zunächst vor allem auf St. Michael, während die Andreas-Ruine weiter verfiel. Teil-Wiederaufbaupläne wurden diskutiert und wieder verworfen: Von Baurat Münter kam etwa der Vorschlag, den Ostchor abzutrennen und allein als Kirchenraum zu nutzen.
Ab 1950 fanden dann doch erste Sicherungsmaßnahmen am Ostchor statt, und am 31. Oktober dieses Jahres konnte immerhin die Sakristei wieder in Gebrauch genommen werden. Doch der restliche Bau verfiel weiterhin. 1955 nahmen die Diskussionen um die Zukunft von St. Andreas neue Fahrt auf, wobei erneut ein Teilwiederaufbau sowie profane Nutzungen (u.a. als Stadthalle) im Gespräch waren.
Erst am 7. Mai 1956 begann der eigentliche Wiederaufbau mit der Sicherung der Nordmauer. Danach konzentrierten sich die Arbeiten auf den Turm, der am 27. Juni 1956 eine neue Bekrönung erhielt und am 27. Februar 1957 eingeweiht werden konnte. Im Folgenden wurde das Mittelschiffsdach in Angriff genommen. Am 8. November 1957 war Richtfest. 1958 folgte die Eindeckung des Daches. 1959 trug man den romanischen Westbau im Innern der Kirche bis auf eine Höhe von 3 Metern ab und führte ihn mit dem alten Steinmaterial neu auf. Das Mauerwerk der Pfeiler, Wände und des Strebewerks am Kirchenschiff wurde instandgesetzt.
1961 erhielt das Mittelschiff ein Sternrippengewölbe nach Entwürfen Ernst Witts, das es hier nie gegeben hatte. Zudem wurden die Maßwerkfenster erneuert und verglast. Die Seitenschiffe und die Turmhalle wurden neu gewölbt und der Fußboden gelegt. 1965 richtete sich die Aufmerksamkeit verstärkt auf die neue Innenausstattung. Hierbei kam es zu Verwerfungen zwischen dem Kirchenvorstand und Ernst Witt als leitendem Architekten, so dass sich Witt am 1. März 1965 von den Arbeiten zurückzog.
Am 29. August 1965 wurde St. Andreas eingeweiht. Sie war damit die letzte große mittelalterliche Kirche Hildesheims, die nach den Kriegszerstörungen fertiggestellt wurde. Der Aufbau der völlig zerstörten Nordwestecke erfolgte sogar erst danach, zwischen 1966 und 1970.
In seiner von einer schöpferischen Denkmalpflege getragenen, auf die Gesamtwirkung des Raumes setzenden, inhaltlich und gestalterisch durchdachten und auf die aktuelle Theologie der Nachkriegszeit zugeschnittenen Konzeption kommt dem Wiederaufbau von St. Andreas eine hohe Bedeutung zu. Die gotische Raumschale wurde hier auf eine fast schon historisierende Weise, die in Hildesheim freilich kein Einzelfall ist (man denke an den Dom und an St. Michael) komplettiert. Ernst Witt selbst hat sein Schaffen offenkundig als Einlösung einer seit dem Mittelalter unvollendeten Planung verstanden: „Der gotische Bau der St.-Andreas-Kirche in Hildesheim hat von Anbeginn mit der Ungunst seines Schicksals zu ringen gehabt, die ihm eine Vollendung bis heute vorenthielt“, schreibt Witt in seinem kunsthistorischen Beitrag zur baugeschichtlichen Entwicklung der Kirche (Witt 1967, S. 27). Man darf den Satz vervollständigen: jetzt ist St. Andreas vollendet! Dementsprechend jubelt auch Landessuperintendent Gerhard Heintze in seinem Grußwort in der Festschrift zur Einweihung 1965: „Nun bietet sich die Kirche schöner und großartiger dar, als sie es jemals in ihrer Geschichte gewesen ist.“ (Einweihung 1965, S. 8).
Darüber, wie berechtigt solche Einschätzungen sind, lässt sich gewiss streiten, denn der Verlust der hochbedeutenden frühneuzeitlichen Ausstattung wiegt schwer. Wichtig bleibt die Einsicht, dass es sich bei der wiedererrichteten St.-Andreas-Kirche um ein ganz und gar zeitgenössisches Werk der Wiederaufbau-Zeit handelt, das von einer mittelalterlichen Raumdurchbildung denkbar weit entfernt ist. Hier werden vielmehr Geist und Ästhetik der 1960er Jahre in ihrer ganzen Modernität und Strenge auf einzigartige Weise anschaubar. So fordert die St.-Andreas-Kirche zur Auseinandersetzung heraus und belohnt diejenigen, die sich dieser Auseinandersetzung stellen, mit Substanz und Tiefe.
Christian Scholl
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