Wie man sich eine mittelalterliche Altarstiftung vorstellen kann, belegt eine Urkunde vom 10. November 1404, in der Bischof Johann III. die Gründung, Dotierung und Einrichtung eines Altars zu Ehren des Leichnams Jesu in St. Andreas bestätigt. Die Urkunde – ein typisches Beispiel für zahlreiche ähnliche Stiftungen – ist in niederdeutscher Sprache verfasst. Unten folgt der Versuch einer Übersetzung:
„We Johan van der gnade godes und des stoles to Rome bischop to Hildensem bekennen witliken an dusseme breve, dat vor uns quamen her Henrik von Boczenborch, canonik to sinte Andrease to Hildensem, Machorius unde Johannes von Quernhameln unde openbarden uns, wu dat de benomeden her Henrik, Machorius und Johannes von testamentes weghene hern Machorius von Hamelen preysters saligher andacht und Borchard Vornevessen ergenomet vor sek unde vor sine erven hedden sek vordraghen, also dat se in de ere des benedigen godes hedden ghelecht hundert mark unde vive unde twintich mark sulvers Hildensemescher witte und wichte to ewighen almissen ewighe jar to blivende to eyneme altare, de ghewiget schal werden in de ere des hilghen lichames und beleghen schal sin by deme pilre, dar der benomeden Vornevessen graft ist, bynnen der kerken to sinte Andrease erghenomd, in alsodaner wise, alse hir naheschreven is, dat Borchart erghenomd und Hans sin sone und na oreme dode, den got langhe spare, orer welkes sone de eldeste, und wanne von dodes weghen der neyn enwere, we denne in ireme slechte de eldeste man were, de der Vornevessen namen hedde, schullen und moghen den altar mit allen toghelechten almissen luttirliken lenen dorch de leve godes eneme preystere oder scholere, de so olt sy, dat he bynnen deme ersten jare, icht he nicht preyster ensy, unde de prester oder scholer schal des vorpflichtet sin, dar he alle wekene vor deme benomden altare veer missen schal holden. Der missen schal eyn sin an de ere des hilghen lichames, de ander schal sin to love unde to eren sinte Peters und sinte Pawels, de dridde schal sin allen cristen zelen to troste unde to gnaden, de verde schal sin to werdicheit unde to eren Marien der leven moder unses herren Jhesu Christi, unde in den missen schal me dechtnisse don hern Machorii presters und Borchardes Vornevessen unde Ghesen siner echten husfrowen und orer eldern. Ok scal he to de ere godes unde des hilghen herren sinte Andreas mit den canoniken to sinte Andrease nach wonheit orer kerken to der mettene, misse, vespere und nachtsanghe sin vorplichtet to wesende, unde de deken und capittel erghenomd schullet ome sin ghud und almissen truweliken helpen vordeghedinghen, wanne ome des not is und he dat von in eschet. Weret ok dat der Vornevessen des namen unde slechtes alle aveghinghen von dodes weghene, dat god langhe vriste, denne so scholde de lenware desses benomeden altares komen und bliven an den rad to Hildensem unde de scholden denne den sulven altar mer to ewighen tiden lenen mit aller tobehoringhe und mit allen stucken und artikeln, alse hir vore gheschreven is. [...]“
Hier der Versuch einer Übersetzung:
„Wir, Johann, von der Gnade Gottes und des [Heiligen] Stuhls in Rom [d.h. des Papstes] Bischof zu Hildesheim, bekennen und tun mit diesem Brief kund, dass vor uns Herr Henrik von Boczenborch, Kanoniker an St. Andreas in Hildesheim, sowie Machorius und Johannes von Hameln erschienen sind und uns eröffnet haben, dass die besagten Herren Henrik, Machorius und Johannes von Testaments wegen, Herrn Machorius von Hameln, Priesters, seliger Andacht und vorgenannter Borchard Vornevessen für sich und für seine Erben einen Vertrag geschlossen haben, dass sie zur Ehre des gnädigen Gottes hundert Mark und fünfundzwanzig Mark Silber Hildesheimischen Feingehalts und Gewichts als ewiges Vermögen, das für alle Jahre bestehen soll, gestiftet haben für einen Altar, der zu Ehren des heiligen Leichnams geweiht werden soll und der an dem Pfeiler stehen soll, wo das Grab der besagten Vornevessen liegt – in der erwähnten St.-Andreas-Kirche, und zwar so, wie im Folgenden beschrieben wird, dass besagter Borchard und sein Sohn Hans, und nach deren Tod, den Gott lange aufschieben möge, derjenige Sohn, der der älteste ist, und wenn der Tod auch das verhindern sollte, derjenige, der der älteste Mann aus diesem Geschlecht wäre und den Namen Vornevessen trägt, den Altar mit allen zugeordneten Messen reinen Herzens durch die Liebe Gottes einem Priester oder (Priester-)Schüler, der so alt sein soll, dass er innerhalb eines Jahres, wenn er nicht schon Priester ist, Priester werden wird, verleihen solle und möge; und der Priester oder Schüler solle verpflichtet sein, jede Woche an dem besagten Altar vier Messen zu halten. Von den Messen soll eine zu Ehren des heiligen Leichnams, die zweite zu Lob und Ehre der heiligen Petrus und Paulus, die dritte zu Trost und Gnaden aller Christenseelen und die vierte zur Würde und Ehre von Maria, der lieben Mutter unseres Herren Jesu Christi, abgehalten werden, und in den Messen soll man des Herrn Priesters Machorius sowie des Borchard Vornevessen, seiner Frau Gesa und ihrer Eltern gedenken. Auch soll er [der Priester] zur Ehre Gottes und des heiligen Herrn Andreas [gemeint ist der Apostel] zusammen mit den Stiftsherren an St. Andreas nach der Gewohnheit ihrer Kirche verpflichtet sein, an der Matutin, Messe, Vesper und Complet [also an den an von den Stiftsherren an St. Andreas gehaltenen Chorgebetszeiten] teilzunehmen, und der Dekan und das vorgenannte Kapitel soll ihn sein Gut und Vermögen wahrhaft verteidigen helfen, wann immer das nötig ist und er es von ihnen einfordert. Wäre es auch, dass der Name und das Geschlecht der Vornevessen durch den Tod ausgelöscht würde, was Gott lange verhindern möge, so soll die Belehnung des besagten Altares an den Hildesheimer Rat fallen und bei diesem bleiben und dieser soll den selben Altar zu ewigen Zeiten verleihen mit allen Zubehör, allen Teilen und Artikeln, wie hier vorweg beschrieben wurde. [...]“
Christian Scholl