Dreikönigsverehrung

Die Heiligen Drei Könige mit den legendarischen Namen Caspar, Melchior und Balthasar verdanken sich einer kombinatorischen Lektüre. Da ist zum einen der Bericht des Matthäusevangeliums, dass Weisen aus dem Morgenland kamen, um das Jesuskind zu verehren und es zu beschenken (Mt. 2,1-12). Dieser Bericht wurde mit alttestamentlichen Prophezeiungen in Verbindung gebracht, in denen von Königen die Rede ist:

Ps. 72,10: „Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige aus Saba und Scheba sollen Gaben senden.“

Jes. 60,3: „Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“ 

Die Dreizahl ergibt sich aus den bei Mt. 2,11 angeführten Geschenken Gold, Weihrauch und Myrrhe.

In St. Andreas wurden die Heiligen Drei Könige in besonderer Weise verehrt. Dabei konzentrierte sich die Verehrung auf Bauteile, die mit dem Hildesheimer Rat in Verbindung stehen. Dies betrifft zum einen den „Kapchor“ im Obergeschoss der Nordvorhalle, der wohl schon vor der Reformation als Ratskapelle diente. Hier lässt sich seit 1440 ein Dreikönigsaltar nachweisen (Doebner 1890, S. 310-312, Nr. 365; Doebner 1899, S. 207, Nr. 340). Und es gilt zum anderen für die Westfassade des vom Rat initiierten, städtisch genutzten gotischen Turmneubaus, an der 1515 Skulpturen der Heiligen Drei Könige in Anbetung des Jesuskindes angebracht wurden. Da die Heiligen Drei Könige überdies Nebenpatrone des 1417 gestifteten Altars in der Kapelle des Hildesheimer Rathauses waren, hat Maren Christine Härtel mit guten Gründen auf eine „besondere[] Vorliebe der Hildesheimer Bürgerschaftsvertretung für diese Patrone“ geschlossen (Härtel 2004, S. 169).

Gleichzeitig waren die Heiligen Drei Könige aber für Hildesheim insgesamt und gerade auch für den Dom von großer Bedeutung. Dies wiederum hängt mit deren Reliquien zusammen, die lange Zeit in der Kirche Sant’Eustorgio in Mailand aufbewahrt wurden, wo man das steinerne Gehäuse bis heute sehen kann. Dann aber wurde Mailand im Jahr 1164 durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa erobert. Der Kaiser nahm die Reliquien als Kriegsbeute mit und übergab sie seinem Vertrauten Rainald von Dassel.  Da Rainald seit 1159 Erzbischof von Köln war, ließ er die Reliquien in den Kölner Dom überführen, wo für sie ein prächtiger Schrein geschaffen wurde und ihre Verehrung einen enormen Aufschwung nahm.

Alle Reliquien? Rainald von Dassel war zuvor an der Hildesheimer Domschule ausgebildet worden und hatte hier 1147/48 als Dompropst gewirkt. Aus Dankbarkeit schenkte er dem Hildesheimer Dom jeweils einen Finger der Heiligen Drei Könige. Bis heute werden diese in einer Reliquienmonstranz im Hildesheimer Domschatz verwahrt.

Die Verehrung der Heiligen Drei Könige wird in dieser Stadt somit nicht auf den Hildesheimer Rat beschränkt gewesen sein, sondern muss umfassender gedacht werden. Es ist sicher auch kein Wunder, dass der Verfasser populären „Historia trium regum“ von 1364 aus dieser Stadt stammte und den Namen Johannes von Hildesheim trug.

Christian Scholl

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