Ratskirche

Im 13. Jahrhundert entwickelte sich Hildesheim zu einer eigenständigen bürgerlichen Stadt neben dem Dom – und oft auch in Konkurrenz zu diesem. Der Rat nutzte die Andreaskirche als Ratskirche. Dies wirkte sich auch auf den gotischen Neubau aus.

Vermutlich diente die dem Marktplatz zugewandte Nordvorhalle als repräsentativer Zugang für den Hildesheimer Rat. Diese Vorhalle ist – wie das gegenüberliegende Segenshaus – zweigeschossig angelegt. Der Raum im Obergeschoss öffnet sich als Empore zum Kircheninneren. Er wird in den Quellen als „Kapchor“ bezeichnet. Hier stand im Mittelalter ein Altar, der den Heiligen Drei Königen geweiht war.

Ernst Witt nimmt an, dass der „Kapchor“ erst 1542, nach der Reformation, als Ratsempore eingerichtet wurde (Witt 1967, S. 36). Maren Christine Härtel vertritt hingegen die plausible These, dass der „Kapchor“ von vornherein, also bereits vor der Reformation, vom Hildesheimer Rat genutzt wurde (Härtel 2004, S. 168f.).

Für das späte 16. Jahrhundert ist überliefert, dass Ratsherren sich um den „Kapchor“ kümmerten und diesen für Besprechungen nutzten. So berichtet der Bürgermeister Henni Arneken 1583 von einer Beratung „auf der preichen in Sanct Andreaskirchen“ (Arneke 1912, S. 201). Als Ratsempore kann der Raum zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr gedient haben, denn 1568 war davor eine Orgel errichtet worden, die ihn zum Kircheninneren hin abgeriegelt haben muss (Palandt 1975, S.32-39). Für das Jahr 1573 überliefert Henni Arneken eine von ihm initiierte Erneuerung, die sowohl den „Kapchor“ als auch die Orgel betraf: „Anno 73, nachdeme jch das diacon ampt wegen radtz in S. Andreas pfar habe annemen mußen, habe jch befurdert, das ein jnventarium aller breiffe der kirchen gemachett, auch das kap koir mith gemelten, wy eß jetzo ist, ane der kirchen bekostung bestalt vnd darnach gefertigett ist worden; ferner das man de alten orgelen gebessert vnd alle fest ineinander geslagen werden.“ (Arneke 1912, S. 177). Es spricht viel dafür, dass der „Kapchor“ spätestens seit 1568 ein abgeschlossener Beratungs- und Versammlungsraum war. 

Unklar ist, wo der Rat seinen Platz hatte, so dass er am Gottesdienst teilnehmen und von der Gemeinde gesehen werden konnte. Schon für das Mittelalter kommt hierfür auch der anschließende Chorbereich in Frage: Die nördlichste Kranzkapelle zeigte nämlich das Wappen der Stadt Hildesheim. In der Frühen Neuzeit muss es – vermutlich im Umfeld des „Kapchores“ – eine eigene hölzerne Ratsempore gegeben haben. Für das Jahr 1660 ist deren Neubau belegt. Joachim Barward Lauenstein überliefert hierzu: „1660. den 1. Mart. wurde die Raths-Prieche in der Kirche zu S. Andreae gebauet, und muste vormahls ein jeder Raths-Herr, der zum ersten mahl hinauf gieng, einen Reichs-Thaler erlegen.“ (Lauenstein 1736, S. 18).

Christian Scholl

Literatur

  • Friedrich Arneke: Die Aufzeichnungen des Hildesheimer Bürgermeisters Henni Arneken aus den Jahren 1564 bis 1601, in: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde 1912, S. 165-225.
  • Michael Brandt, Claudia Höhl, Gerhard Lutz (Hg.): Dommuseum Hildesheim. Ein Auswahlkatalog, Regensburg 2015.
  • DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 282 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0028209.
  • DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 339 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0033900.
  • Richard Doebner (Hg.): Urkundenbuch der Stadt Hildesheim, Bd. 4, Hildesheim 1890.
  • Richard Doebner (Hg.): Urkundenbuch der Stadt Hildesheim, Bd. 7, Hildesheim 1899.
  • Maren Christine Härtel: Die spätgotische Pfarr- und Stiftskirche St. Andreas in Hildesheim. Planen und Bauen nach französischem Kathedralschema (= Quellen und Studien zur Geschichte des Bistums Hildesheim, Bd. 8), Hannover 2004, S. 174f.
  • Johannes von Hildesheim: Die Legende von den Heiligen Drei Königen, München 1963.
  • Joachim Barward Lauenstein: Hildesheimische Kirchen- und Reformations-Historie, Teil 2, Hildesheim 1736.
  • Hector Wilhelm Heinrich Mithoff: Kunstdenkmale und Alterthümer im Hannoverschen, Bd. 3: Fürstenthum Hildesheim nebst der ehemals freien Reichsstadt Goslar, Hannover 1875.
  • Ernst Palandt: Die Geschichte der Orgelwerle in St. Andreas zu Hildesheim, in: Alt-Hildesheim. Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim, 46, 1975, S. 29-50.
  • Bernhard Römer: Die Orgel in St. Andreas Hildesheim. 600 Jahre Stadt- und Kirchengeschichte, Hildesheim 2012.
  • Ernst Witt: Die baugeschichtliche Entwicklung der St.-Andreas-Kirche zur Zeit der Gotik, in: Alt-Hildesheim 38, 1967, S. 27-36.
  • Adolf Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover II. Regierungsbezirk Hildesheim. 4. Stadt Hildesheim. Kirchliche Bauten, Hannover 1911.