Der Türsturz im Segenshaus trägt das Wappen der Stadt Hildesheim und ist auf das Jahr 1543 datiert. Er soll der Überlieferung nach aus dem Trinitatis-Hospital stammen, das bis 1945 nordwestlich von St. Andreas stand. Dass er für das Hospital geschaffen wurde, ist unwahrscheinlich. Dagegen sprechen vor allem die Inschriften:
links:
„Jesus spreckt latet de kinderken tho / mij kome(n) vnd weret en nicht we(n)t / solker is dat rike godes MAR 10“
Jesus spricht „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes“ (Mk. 10,14)
rechts:
„Jdt sij de(n) dat jema(n)t gebore(n) werd / vth de(n) water v(n)d geist so ka(n) he / nicht i(n) · dat rike godes kome(n) · jo 3“
„Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Joh.3,5)
In diesen Inschriften manifestiert sich ein lutherisches Taufverständnis, dass eher zu einer Pfarrkirche wie St. Andreas passt. Zudem steht die Datierung des Türsturzes auf 1543 in auffallender zeitlicher Nähe zum Andreas-Taufbecken von 1547. Leider ist der ursprüngliche Aufstellungsort dieses Taufbeckens nicht mehr nachvollziehbar.
Vor 1945 stand das Taufbecken in der ersten südlichen Kranzkapelle des Chorumgangs. Allerdings ist die gesamte Innenausstattung von St. Andreas bei der Renovierung von 1824/35 neu geordnet worden. Ernst Witt vermutet, dass das Taufbecken ursprünglich für das Segenshaus geschaffen wurde. Er bezieht den Türsturz auf das Außenportal dieses Segenshauses, das demzufolge 1543 als Taufort neu eingerichtet worden wäre. 1732 hätte man den Sturz durch die heute noch erhaltene barocke Türrrahmung ersetzt.
Gegen diese These spricht allerdings, dass lutherische Taufen im Angesicht der Gemeinde stattfinden sollten. Daher ist eher von einem Aufstellungsort des Andreas-Taufbeckens im Mittelschiff, vermutlich im Chorbereich, auszugehen.
Indirekt verweisen einige Angaben von Begräbnissen auf den Ort des Taufsteins – leider, ohne endgültige Klarheit zu vermitteln. Für Hans Lübbern und seine Tochter Anna wird 1574 „ein Monument oder Tafel am Pfeiler bei der Taufe zur Schule hin“ überliefert (Härtel 2004, S. 343). Für die Grablege von Christian Dörrien und seiner Gattin wird 1654 ein Ort „mitten in der Kirche, zur Taufe hin“ genannt (ebd., S. 341). 1619 ist im Zusammenhang mit dem Grab von Luderus Carsten und seiner Witwe von einem Platz „bei der Tauftür“ die Rede (ebd., S. 340). Zu dieser Tauftür könnte der Türsturz von 1543 gehört haben.
Überlegenswert ist, ob der Türsturz zu einer steinernen Schrankenanlage im Chorumfeld gehört haben könnte, die 1824/25 abgebrochen wurde. Man weiß, dass im Zuge dieser Renovierung Ausstattungsstücke aus St. Andreas (z.B. das Arneken-Epitaph) in benachbarte Hospitäler gelangten. Eventuell kam der Sturz damals ins Trinitatis-Hospital und später wieder zurück nach St. Andreas.
Christian Scholl