Reliefs

Bis auf die Darstellung einer Kindstaufe (B6) zeigen die Reliefbilder am Becken und am Deckel ausschließlich biblische Szenen. Dabei wird der Bezug auf die konkrete Bibelstelle jeweils durch ein Täfelchen mit entsprechenden Textverweisen belegt. Das Andreas-Taufbecken hat gewissermaßen einen wissenschaftlichen „Fußnotenapparat“, mit dem es sich an Betrachtende richtet, die lesen können. Ihnen wird eine eigenständige Bibellektüre zugetraut, so dass sie überprüfen können, was auf den Bildern gezeigt wird.

Reliefs am Deckel

Die sechs Reliefs in einer kleeblattförmigen, das Domtaufbecken zitierenden Rahmung zeigen zunächst in drei alttestamentliche Szenen, die aus christlicher Perspektive traditionell als Vorprägungen der Taufe gelten, und dann drei neutestamentliche Szenen, in denen es um reale Taufakte sowie um das Zusammenwirken von Wasser und Geist geht.

 

D1: Der wunderbare Strom aus dem Tempel (Hes. 47)

Die Szene zeigt eine Vision des Propheten Hesekiel. Das vom Tempel ausgehende Wasser, dass auch durch das Tal des Jordan fließt, in dem Jesus getauft wurde, wird in seiner Leben spendenden Kraft auf die Taufe bezogen: 

„Und er führte mich wieder zu der Tür des Tempels. Und siehe, da floß ein Wasser heraus unter der Schwelle des Tempels nach Osten; denn die vordere Seite des Tempels lag gegen Osten. Und das Wasser lief unten an der südlichen Seitenwand des Tempels hinab, südlich am Altar vorbei.“ (Hes. 47,1)

„Und er sprach zu mir: Dies Wasser fließt hinaus in das östliche Gebiet und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer. Und wenn es ins Meer fließt, soll dessen Wasser gesund werden, 

und alles, was darin lebt und webt, wohin der Strom kommt, das soll leben.“ (Hes. 47,8-9 Anfang)

 

D2: Die Sintflut (Gen. 6-8)

Die Errettung von Noah und seiner Familie in der Arche, die auch jeweils ein Tierpaar aufnimmt, währenddessen alle anderen in den Fluten der Sintflut ertrinken, gehört zu den alttestamentlichen Geschichten, die aus christlicher Perspektive immer wieder auf die Taufe bezogen wurden. Dementsprechend findet man sie auch am Domtaufbecken. Dass das Andreas-Taufbecken ein Hauptwerk der Hildesheimer Renaissance ist, schlägt sich auch auf die Arche Noah nieder, die eine Gaube mit Rundgiebel und Muschelornament aufweist: ganz frühe Weserrenaissance!

 

D3: Durchzug durchs Rote Meer (Ex. 14)

Auch die Errettung der Israeliten, die auf der Flucht vor den Ägyptern unbeschadet durch das Rote Meer ziehen, während die ägyptische Armee danach in diesem ertrinkt, gilt als Vorprägung der Taufe und ist bereits am Domtaufbecken dargestellt. Während sich das Domtaufbecken allein auf den Zug der Israeliten konzentriert, zeigt das Andreas-Taufbecken in aller Ausführlichkeit auch die sterbenden Ägypter.

 

D4: Taufe des Kämmerers (Apg. 8)

Die Szene aus der Apostelgeschichte zeigt einen realen Taufakt, der vom Jünger Philippus an dem zum Christentum bekehrten Kämmerer der Königin aus Äthiopien vorgenommen wird. Der Kämmerer war auf einem Pferdegespann unterwegs, das man im Hintergrund sieht.

 

D5: Hauptmann Kornelius (Apg. 10)

Petrus besucht den römischen Hauptmann Kornelius und predigt ihm das Evangelium, während über diesen der Heilige Geist kommt und ihn bekehrt. Rechts ist die darauffolgende Taufe des Kornelius zu sehen.

 

D6: Jesus und Nikodemus (Joh. 3)

Der Pharisäer Nikodemus, „ein Oberster unter den Juden“ (Joh.3,1) sucht Jesus in der Nacht auf und befragt ihn: 

„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Joh. 3,4-5).

Die Neugeburt des Menschen aus Wasser und Geist wird auf die Traufe bezogen und ist zugleich ein wichtiger Beleg, dass Taufwasser allein nicht ausreicht, sondern das Wirken des Heiligen Geistes erforderlich ist.

 

RELIEFS AM BECKEN

B1: Himmelfahrt Christi (Mt. 28; Mk. 16)

Rechts sieht man die Himmelfahrt Christi: Von Jesus sind nur noch die Füße zu erkennen sowie die Abdrücke, die diese Füße auf dem Berg hinterlassen haben. Die Jünger umringen diesen Berg.

Beinahe noch wichtiger ist die Szene rechts, die zwei Jünger vor einem Brunnen zeigt, die im Begriff sind, sich aufzumachen, zu missionieren und zu taufen:

„Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ (Mt. 28,19)

Dementsprechend sieht man zu beiden Seiten dieser Szene im Hintergrund jeweils zwei Jünger, die in entgegengesetzte Richtung in die Ferne ziehen.

 

B2: Taufe Jesu (Jes. 40; Mal. 3; Mt. 3.; Mk. 1; Jo.1; Lk. 3)

Jesus kniet im Jordan und lässt sich von Johannes dem Täufer taufen. Gleichzeitig geht aus dem Mund von Gottvater, der links oben dargestellt ist, der Geist Gottes in Gestalt einer Taube auf Jesus über.

Bemerkenswert ist, dass eine zweite Schrifttafel links auf alttestamentliche Prophezeiungen verweist, die aus christlicher Sicht auf Johannes den Täufer bezogen werden:

„Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm, Gott!“ (Jes. 40,3)

„Siehe, ich will einen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt, siehe er kommt! Spricht der Herr Zebaoth.“ (Mal. 3,1)

 

B3: Paulus und der Kerkermeister (Apg. 16)

Paulus und sein Gefährte Silas wurden geschlagen, eingekerkert und ihre Füße in einen Stock gelegt. Durch ein Wunder wurden sie befreit, blieben aber im Gefängnis, wo sie in der dargestellten Szene der erstaunte Kerkermeister antrifft:

„Und er [der Kerkermeister] nahm sie [Paulus und Silas] zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen ab. Und er ließ sich taufen und alle die Seinen alsbald“ (Apg. 16,33)

Wichtig ist die Aussage, dass der Kerkermeister auch „die Seinen“ taufen ließ, was auf seinen gesamten Hausstand und damit auch auf seine Kinder bezogen wurde. In den Auseinandersetzungen mit der Täuferbewegung galt diese Passage als biblischer Beleg für die Kindstaufe (Mathies 1998, S. 27).

 

B4: Ananias heilt Paulus (Apg. 9)

Saulus war zur Christenverfolgung aufgebrochen und erfuhr eine Gotteserscheinung, die ihn erblinden ließ. Saulus wurde Christ – und zu Paulus. Auf Gottes Geheiß wurde der Jünger Ananias zu ihm geschickt, um ihn von seiner Blindheit zu heilen. Diese Szene zeigt das Relief.

„Und alsbald fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er ward wieder sehend

und stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.“ (Apg. 9,18-19)

 

B5: Pfingstpredigt des Petrus (Apg. 2) 

Der heilige Geist erfüllt die Versammelten, die daraufhin so zu sprechen beginnen, dass jeder den anderen in seiner eigenen Sprache versteht. Petrus erklärt das Pfingstwunder und predigt der sich auf diese Weise sich bildenden Gemeinde:

„Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes.

Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und aller, die ferne sind, soviele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ (Apg. 2,38-39)

Der Zusatz „eurer Kinder“ wurde zur Entstehungszeit des Andreas-Taufbeckens erneut als biblischer Beleg für die Kindstaufe gedeutet (Mathies 1998, S. 28).

 

B6: Kindstaufe (Mk. 10; Mt. 19; Lk. 18)

Dies ist das einzige Relief am Andreastaufbecken, das keine biblische Szene zeigt, sondern eine zeitgenössische Taufe. Die Darstellung erinnert an das Taufbild auf dem berühmten Reformationsaltar der Cranach-Werkstatt in der Wittenberger Stadtkirche. Der Taufende hält das Kleinkind, indem er es zugleich auf dem Rand eines Taufbeckens absetzt, das dem Andreas-Taufbecken sehr ähnelt. Mit seiner rechten Hand schöpft er das Wasser aus dem Becken. Die biblischen Belege aus dem Matthäus-, Markus- und Lukasevangelium beziehen sich nicht auf einen Taufakt, sondern auf Jesus, der die Kinder segnet – eine Passage, die ebenfalls immer wieder als Rechtfertigung der Kindstaufe angeführt worden ist.

Christian Scholl

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