Das Westportal von St. Andreas wurde 1965 von Ulrich Henn gestaltet und zeigt den Durchzug des vor der ägyptischen Streitmacht fliehenden Volkes Israel durch das Rote Meer (Ex. 14,16-23). Es wurde von der Stadt Hildesheim finanziert, die sich seit dem Mittelalter in besonderer Weise für den Westturm engagiert.
Das Bronzerelief füllt das gesamte Portal aus und überspielt dessen Unterteilung in zwei bewegliche Türflügel und eine darüberliegende Bogenfüllung. Im Zentrum erblickt man die voranschreitende Schar der Israeliten. Rechts daneben ist – in Bedeutungsperspektive größer dargestellt – Mose zu sehen, der mit seinem Stab das Wasser teilt:
„Und der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Kindern Israel, dass sie weiterziehen.
Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, so dass die Kinder Israel auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen.“ (Ex. 14,15+16)
Unterhalb der Fliehenden schließt sich das Wasser bereits wieder zusammen. Die Ägypter, die in den Fluten ertrinken, werden von Henn nicht dargestellt. Über der Szene schwebt der Engel Gottes, der die Israeliten leitet (Ex. 14,19).
In christlicher Ausdeutung wird die Geschichte vom Zug der Israeliten durch das Rote Meer häufig auf die Taufe bezogen. Dementsprechend findet man sie etwa am Taufbecken von St. Andreas (Hans Sievers 1547) sowie am westlichen Fenster der Südwand in der Taufkapelle (Kurt Sohns 1967-58). Am Westportal von St. Andreas ist mit dem Meer aber vor allem auch das Flammenmeer des brennenden Hildesheim von 1945 gemeint. Die geretteten Israeliten werden zu Identifikationsfiguren für die gläubigen Überlebenden des Weltkrieges, die sich nun die zerstörte St. Andreas als Glaubens- und Zufluchtsort neu aufgebaut haben.
Im Bildprogramm des Wiederaufbaus markiert das Westportal den Auftakt für die bau- und raumübergreifende Erlösungsthematik.
Christian Scholl