Das gläserne Portal der Versöhnungshalle

Dieses Portal markiert den Übergang von der Turmhalle in die Versöhnungshalle, die 1965 im Bereich zwischen gotischem und romanischem Turmunterbau eingerichtet wurde. Während das Westportal mit der Darstellung des Durchzugs der Israeliten durch das Rote Meer außen wie eine undurchdringliche Wand erscheint, zeichnet sich dieses Portal durch seine Transparenz aus: Es wurde aus Glas gefertigt, so dass man, wenn kein Vorhang den Blick unterbricht, bis zum Altarraum mit der von Ulrich Henn entworfenen Abendmahlsgruppe schauen kann.

Während draußen am Westportal Türgriffe fehlen, sind hier ausgesprochen markante Griffe in Form von nach oben gerichteten Händen angebracht, die vom Hildesheimer Goldschmiedemeister Theo Blume geschaffen wurden. Man kann an eine traditionelle Gebetshaltung (Orantengestus) Gott offen gegenüberstehender Menschen denken. Zugleich vollzieht sich im Ergreifen dieser Hände beim Betätigen der Tür etwas, das an eine Versöhnung zwischen den Menschen gemahnt.

Auf diese offenen, erhobenen Hände antwortet von oben her eine aus Bronze hergestellte Hand Gottes mit einem Segensgestus, in deren Ostseite ein großer Bergkristall eingelassen ist. Hierbei handelt es sich um ein Geschenk des damaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard, der Hildesheim Anfang September 1965 vor einer Bundestagswahl besuchte. Das Zusammenspiel der offenen Hände unten mit der Segenshand oben veranschaulicht die Versöhnung Gottes mit den Menschen.

Künstlerische Bronzearbeiten in Hildesheim – zumal an einem Portal – nehmen immer auch den Dialog mit der Kunst aus der Zeit Bischof Bernwards (gest. 1022) auf, für die Hildesheim weltweit berühmt ist. Auch an der bronzenen Bernwardstür im Hildesheimer Dom wird Gottes Handeln in Gestalt einer aus dem Himmel auf die Menschen weisenden Hand symbolisiert – allerdings erst in den Szenen nach dem Sündenfall, in denen die Menschen bereits aus dem Paradies vertrieben sind. Eine vergleichbare Segenshand gibt es an der Bernwardstür genau da, wo die Menschheit an einem vorläufigen Tiefpunkt angelangt ist: Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen und wird jetzt von Gott zur Rede gestellt. Übertragen auf die Versöhnungshalle von St. Andreas könnte dies bedeuten: Der Mörder, der sich seiner Tat bewusst werden muss, wird zur Bezugsfigur für diejenigen, die sich nach Versöhnung sehnen. So vermag Kunst, indem sie sich auf andere Kunst bezieht, eine sich allzu schnell einstellende Behaglichkeit zu durchkreuzen. Versöhnung bedeutet eben doch etwas anderes als einen Schlussstrich gegenüber eigener schuldbeladener Vergangenheit.

Christian Scholl

Zurück