Turm

Der ab 1389 errichtete gotische Neubau des Kirchenschiffs reichte zunächst nur bis zur romanischen Turmanlage. Im Jahr 1501 beschloss der Hildesheimer Rat, westlich davor einen neuen Turm zu errichten und diesen mit dem Kirchenschiff zu verbinden. Am 31. Juli1503 wurde der Grundstein für den Turmneubau nach einem Plan von Arend Molderam gelegt. In den 1530er Jahren geriet der Bau ins Stocken und blieb Fragment. Über Jahrhunderte erhob sich der spätgotische Turmstumpf halb freistehend westlich vor der Kirche.

Wie bei vielen mittelalterlichen Kirchenbauten erfolgte erst mit dem Historismus des 19. Jahrhunderts eine Vollendung des Turmes von St. Andreas. Für diesen Zweck wurde 1882 der St. Andreas-Thurmbau-Verein gegründet. Da der Molderam-Plan nicht mehr erhalten war (bzw. dasjenige, was man von ihm zu wissen glaubte, sich als nicht umsetzbar erwies), schrieb der Verein im Juli 1882 einen Wettbewerb für die Gestaltung der Turmobergeschosse aus. Die Entscheidung fiel auf einen Entwurf von Max Kolde, der, modifiziert durch den Hildesheim Stadtbaurat Gustav Schwartz, 1883 zur Ausführung freigegeben wurde. Die Finanzierung setzte sich aus mehreren Quellen zusammen. 

Die Grundsteinlegung zur Turmvollendung fand am 10. November 1883 statt – an Martin Luthers 400. Geburtstag. Dass man an St. Andreas den höchsten Kirchturm Niedersachsens errichtete, war sicher auch eine kulturprotestantische Demonstration. Am 4. August 1886 wurden die Bauarbeiten am Turm mit der Anbringung der eisernen Helmspitze beendet. Zwischen 1893 und 1933 war in den Räumen unter dem Turm das Andreas-Museum eingerichtet.

Am 22. März 1945 zerstörte der Bombenangriff auf Hildesheim einen großen Teil der Stadt, darunter auch die Andreaskirche. Die Kirche stand einige Jahre als Ruine da und das nunmehr offenliegende Stahlgerüst der Turmhaube wurde als „Hildesheimer Eifelturm“ bezeichnet. Erst in den 1950er Jahren entschied man sich für einen kompletten Wiederaufbau der Kirche. 1957 begann der Neubau der Turmhaube. Hierbei wurde das Stahlgerüst aus dem 19. Jahrhundert wiederverwendet, während die Details von Turm und Turmhaube im Stil der 1950er Jahre schlichter um einiges schlichter gestaltet wurden als im Historismus. Am 28. Februar 1957 wurde der Turmneubau mit der Weihe abgeschlossen. Danach wendeten sich die Wiederaufbauarbeiten dem Kirchenschiff zu.

Laura Reich

Literatur

  • Klaus Arlt: St. Andreas: „In ganz Niedersachsen gibt es schwerlich einen Bau von so starkem Charakter“, in: Manfred Overesch (Hg.): Renaissance einer Kulturstadt., Hildesheim nach dem 2. Weltkrieg, Hildesheim, Zürich, New York 1998, S. 148-167.
  • Karl Euling (Hg.): Chronik des Johan Oldecop (= Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart 190), Tübingen 1891.
  • Maren Christine Härtel: Die spätgotische Pfarr- und Stiftskirche St. Andreas in Hildesheim. Planen und Bauen nach französischem Kathedralschema (= Quellen und Studien zur Geschichte des Bistums Hildesheim, Bd. 8), Hannover 2004.
  • Ludwig Haenselmann (Hg.): Henning Brandis‘ Diarium. Hildesheimsche Geschichten aus den Jahren 1471-1528, Hildesheim 1896.
  • Maike Kozok: Historismus in Hildesheim. Leben und Wohnen in der Stadt zwischen 1814 und 1914, Hildesheim 2013.
  • Maike Kozok: Das Andreas-Museum. Ein Hildesheimer „Architektur-Museum“, in: Dieselbe: Vom Kloster zum Museum. Studien zur Baugeschichte des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim, Hildesheim 2008, S. 115-117.
  • Hermann Adolf Lüntzel: Geschichte der Diöcese und Stadt Hildesheim. Herausgegeben aus dessen Nachlasse, Zweiter Theil, Hildesheim 1858.
  • Daniel Siemer: Gustav Schwartz. Stadtbaumeister und Stadtbaurat der Gründerzeit. Leben und Werk des Architekten im Kontext der Hildesheimer Stadtentwicklung, Hildesheim 2013.
  • Adolf Zeller (Bearb.): Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, II. Regierungsbezirk Hildesheim, 4: Stadt Hildesheim. Kirchliche Bauten, Hannover 1911, S. 165.